Lebenslanges Lernen

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Schneller als erwartet ist unser Wissen „von gestern“. Weiterlernen hilft und macht sogar Freude.

Das erwartet Sie in diesem Beitrag: 

Kinder und Erwachsene lernen unterschiedlich, aber ähnlich effektiv. Wie Erwachsene das Lernen am besten anstellen, erfahren Sie in diesem Beitrag. Wir beleuchten kurz die Entstehung des Konzepts vom Lebenslangen Lernen, geben Einblicke in das Lernen von der biologischen Seite her und erläutern die große Bedeutung einer Lernkultur für Unternehmen. Anschließend wissen Sie, wieso es wichtig ist, „lebenslang“ zu lernen und welche Vorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber daraus resultieren.

„Aus Fehlern lernt man.“ Das alte Sprichwort deutet an: Was zählt, ist die persönliche Einstellung gegenüber dem Erkenntnisgewinn und dem Lernen. Manche unserer Lehrer wollten unser Interesse besonders wecken mit einem „Hier lernt ihr was für euer Leben!“ – Aber wieso hat man eigentlich nach der Schule, nach der Berufsausbildung oder nach dem Studium aufgehört zu lernen? Denn mit dem Lernen lernt man doch, seinen Horizont zu erweitern und mit einer sich verändernden Umgebung umzugehen und zurechtzukommen.

 

Bedeutung

„Lebenslanges Lernen“ bezeichnet ein Konzept, das Menschen dazu befähigen soll, während ihrer gesamten Lebensspanne zu lernen. Um das zu erreichen, ist die Selbst- und Informationskompetenz des Einzelnen wichtig, also die Fähigkeit und Fertigkeit, mit neuen Fragestellungen umzugehen. 

Dazu gehört nicht nur, das Lernen zu wollen und tatsächlich zu tun, sondern auch, mit Informationen selbstbestimmt, verantwortlich und zielgerichtet umzugehen. Es geht um fortlaufendes, freiwilliges und intrinsisch motiviertes Lernen – etwa aus persönlichen Gründen und/oder aus beruflichen Gründen.

Das Konzept wurde bereits vor Jahrzehnten in bildungspolitische Programme aufgenommen. Im Jahr 1962 wurde der Begriff erstmals in Dokumenten der internationalen Organisationen „lifelong education“ erwähnt. Erstaunlicherweise konnte trotzdem bislang keine allgemeingültige Definition „lebenslanges Lernen“ abschließend erklären. 

Das Jahr 1996 wurde von der EU zum „Europäischen Jahr des lebensbegleitenden Lernens“ gemacht. Auf der Basis von internationalen empirischen Erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Forschungen entstand zusammen mit der UNESCO eine Publikation, die lebenslanges Lernen als Konzept darstellt. Das zielt darauf, mittels individueller Selbstbestimmung zur optimalen persönlichen Bewältigung aller Lebensherausforderungen zu befähigen. Vor allem das selbstbewusste intelligente und kreative Handeln soll gefördert werden.

 

Fleißig erlerntes Schulwissen: leider nicht mehr genug.

Die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in Schule, Universität und Berufsausbildung vor Jahren oder gar Jahrzehnten gelernt wurden, reichen beispielsweise für eine Berufslaufbahn in der heutigen schnellebigen VUCA-Welt nicht mehr aus. Schon allein durch die Anforderungen der Digitalisierung und Globalisierung ist es notwendig geworden, dass man lebenslang weiterlernt und sich weiterbildet. 

Zur Klärung der Idee dahinter: Im Konzept des „lebenslangen Lernens“ geht es gar nicht darum, ständig an Weiterbildungen und ähnlichen Veranstaltungen teilnehmen zu sollen. Bereits informelle Formen des Lernens, wie beispielsweise neue Arbeitsbedingungen, die alltägliche Lebensführung und neue technische Anforderungen im Alltag gehören zum lebenslangen Lernen dazu: Man stelle sich nur vor, wie es heute ist, etwa im Vergleich zu den Achtzigerjahren, zu telefonieren oder einen Fernseher zu installieren. 

Auch der Umgang mit neuer Alltagstechnologie zeigt die Notwendigkeit des Lernens – durchaus über das Berufsleben hinaus – mit den veränderten Lebensbedingungen in unserem Kulturkreis umzugehen. 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat 2004 zum lebenslangen Lernen postuliert: 

„Lebenslanges Lernen hilft, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken und Ausgrenzung so weit wie möglich zu vermeiden. Im Rahmen einer Gesamtstrategie soll das Ziel verfolgt werden, die Bildungsteilhabe zu erhöhen, allen Menschen mehr Chancen zur persönlichen, ihren Begabungen entsprechenden gesellschaftlichen und beruflichen Entwicklung zu ermöglichen und den Standort Europa mitzugestalten.“

 

Erwachsene bilden auch neue Synapsen – nur anders als Kinder

Wie kann das Lernen von neuen Fertigkeiten nun beispielsweise bei Erwachsenen konkret funktionieren? Der Volksmund behauptet ja: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ 

Wir wissen heute: Das stimmt glücklicherweise nicht. Erwachsene können unbegrenzt weiterlernen – nur besser mit einem anderen System als Kinder. Dazu ein Beispiel:


Der Psychologieprofessor Gary Marcus beschreibt in seinem Buch „Guitar Zero“ das Resultat eines Selbstversuches: Er hat im Alter von vierzig Jahren versucht, sich selbst das Gitarrespielen beizubringen. Er fragte sich, ob Musikalität eigentlich von jedem Menschen jederzeit entwickelt werden kann. Was, wenn man nicht im Alter von sechs Jahren begonnen hat, Klavierspielen zu lernen? Können nur Kinder derartige Fähigkeiten erlernen oder kann man sich damit in jedem Alter jederzeit quasi selbst neu erfinden? 

Marcus hat in seiner Studie festgestellt, dass das menschliche Gehirn nie auslernt. Es gibt keine „Kapazitätsgrenze“. Im Gegenteil: Der Hippocampus (eine zentrale Schaltstation im Gehirn; wichtig für die Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis) vergrößert sich sogar, wenn man etwas Neues lernt.

Ein Beispiel, in dem nachgewiesen wurde, wie sich der Hippocampus über die Zeit vergrößern kann, sind Taxifahrer in London. Für ihre Prüfung müssen sie sich 25.000 Straßen merken; das kann bis zu vier Jahren dauern. Psychologen haben untersucht, ob – beziehungsweise wie – sich das Gehirn dieser Anwärter verändert. Sie scannten vor Beginn der Lernphase die Gehirne, dabei ergaben sich keine gravierenden Unterschiede untereinander. Als nach der Prüfung die Gehirne der Anwärter erneut gescannt wurden, konnte man deutlich anhand der Auswertungen ablesen, welche der Prüflinge erfolgreich waren und welche bei der Prüfung durchgefallen sind: Diejenigen, die die Prüfung vermasselt hatten, haben kein vergrößertes Volumen ihres Hippocampus erreicht.

Zur Verankerung eine weniger gute Nachricht: Der deutsche Gedächtnisforscher Hermann Ebbinghaus fand bereits im neunzehnten Jahrhundert heraus, dass nach dem Lernen das neu erlernte Wissen im Verlauf der Zeit immer geringer wird: Nach zwanzig Minuten wären noch etwa sechzig Prozent des Wissens abrufbar, nach vierundzwanzig Stunden seien es nur noch dreißig Prozent, und langfristig verblieben dem Forscher zufolge sogar nur etwa fünfzehn Prozent des Lernstoffs.

Wenn ein Mensch Neues lernt, verbinden sich in seinem Gehirn Nervenzellen miteinander und bilden Synapsen. Wie gut ein Mensch also lernen kann, hängt von der Stärke der Verknüpfung der Synapsen zusammen. Ältere Menschen lernen demnach nicht schlechter als Kinder. Sie lernen einfach anders: Für ältere Menschen ist es sinnvoller, jeden Tag zehn Minuten zu lernen, als an einem Tag fünf Stunden.

Wenn ein erwachsener Mensch lernt, konzentriert er sich auf das Wichtigste und blendet Unwichtiges beim Lernen eher aus. Erwachsene können dadurch ihr eigenes Handeln und den Lernerfolg besser reflektieren als Kinder, dadurch wird das Lernen sehr viel effektiver. Bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen wird der Geist durch stetiges Lernen gefordert und trainiert wie ein Muskel, was auch langfristig positive Auswirkungen hat. 

 

Das Belohnungssystem beim Lernen

Unser Körper belohnt uns sogar für die Aneignung von neuem Wissen, wodurch das Lernen leichter fällt und Spaß macht – vor allem, wenn es sich um Themen handelt, die uns persönlich interessieren. Geht es beispielsweise um ein Thema, welches sich der Lernende selbst erschließt, und was er als motivierend empfindet, schüttet das Gehirn bei der Lösung eines Problems Dopamin, das sogenannte „Glückshormon“, aus. Dadurch wird das „Belohnungszentrum“ im Hirn stimuliert und der Mensch fühlt sich glücklich.

Oft kostet es dennoch Überwindung, Neues zu lernen – aber gerade das stärkt den Charakter und lässt den Menschen reifen, da er seine „Komfortzone verlässt“. Es ist wie mit den Neujahrsvorsätzen für „mehr Sport“ und mit dem „inneren Schweinehund“, ob mehr geistige oder mehr körperliche Aktivität: Wir wissen schon, es tut uns gut, aber wir müssen dafür raus aus der Wohlfühlzone. Intrinsische Motivation ist dabei sehr hilfreich. 

Die persönliche Gesundheit wird durch lebenslanges Lernen positiv beeinflusst. Man beugt Demenzerkrankungen wie Alzheimer vor, aber vor allem bleibt man mental aktiv und lebt länger als Menschen, die sich nicht weiterbilden wollen. Lebenslanges Lernen ist ganz nebenbei ein Weg, um neue Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen und beispielsweise durch vielfältigere gesellschaftliche Teilhabe ein Netzwerk zu bilden.

 

Vorteile für Unternehmen

Wir Westeuropäer befinden uns in einer Informationsgesellschaft. Verfügbares Wissen ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Durch sehr schnelle Entwicklungen, etwa von Technologien und deren Verbreitung über Massenmedien wie das Internet (Schlagworte: Digitalisierung und Globalisierung), wird körperliche Arbeit unwichtiger, während geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen. 

Ein plakatives Beispiel, woran deutlich wird, wie wichtig es ist, sich fortlaufend weiterzubilden, ist, dass sich das Wissen der Menschheit um das 18. Jahrhundert herum noch in einem Zeitraum von einhundert Jahren verdoppelt hat. Heutzutage sind es lediglich fünf Jahre (was sich an der Zahl von wissenschaftlichen Publikationen ablesen lässt und an der Zahl von neuen Patenten). 

Dadurch, dass immer mehr Wissen zur Verfügung steht, verkürzen sich die Lebenszyklen aktueller Produkte sehr stark und es entsteht der Drang, immer schneller Innovationen auf den Markt zu bringen. Für ein Unternehmen ist es daher wichtig, qualifizierte, lernwillige und sich weiterbildende Mitarbeiter zu beschäftigen, weil es zur Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens beiträgt. 

Auch für Arbeitnehmer ist es vorteilhaft, sich weiterzubilden, da sie mit höheren Qualifikationen attraktiver für neue Arbeitgeber sind. Und sie sind schwer zu ersetzen für den aktuellen Arbeitgeber. Das eröffnet beispielsweise gute Perspektiven in Gehaltsverhandlungen.

 

Veränderter Wissensdrang über die Lebensphasen

Forscher haben herausgefunden, dass sich die Wissbegier eines Menschen an der Zeitspanne orientiert, die ihm noch auf der Erde bleibt. Kinder sind demnach sehr wissbegierig und interessiert, wogegen ältere Menschen mehr Wert darauflegen, ihr bestehendes Wissen zu konservieren. 

Das ist ein interessanter Aspekt für die Lernkultur in Unternehmen. Unternehmen sollten das bei der Personalplanung berücksichtigen, indem sie den Mitarbeitern aufzeigen, welche Ziele sie zusammen erreichen wollen und können.

Weiterbildung in Unternehmen geht auf vielen Wegen: im Dualen Studium oder einfach mit „Slacktime“

Manche Unternehmen haben firmeneigene Universitäten, die für die Fortbildung der Mitarbeiter gedacht sind, um ihre Mitarbeiter gezielt für die eigenen Anforderungen weiterzubilden. Ein Beispiel wäre die Fresenius Gruppe, ein wichtiger Arbeitgeber in Mittelhessen, mit ihrer „Hochschule Fresenius gGmbH“. 

Möglichkeiten zur Weiterbildung in Unternehmen können auch ganz unkonventionell angeboten werden, mit Zeiträumen zur individuellen Weiterbildung, genannt „Slacktime“. Um ihren Mitarbeitern das zu bieten, haben einige Unternehmen ein „4+1-System“ eingeführt (die Idee kommt von dem Softwareunternehmen Itemis). Das System bedeutet, dass die Mitarbeiter vier Tage arbeiten und einen Tag zur persönlichen Weiterbildung freigestellt werden. Es steht ihnen sogar offen, was sie an diesem Tag genau tun. 

Das Unternehmen hat damit, laut eigenen Angaben, nur positive Erfahrungen gemacht: Die Mitarbeiter scheinen die ihnen vertrauensvoll eingeräumte Freiheit nicht zu missbrauchen, um anderen Aktivitäten nachzugehen, sondern sie arbeiten sich etwa in Fachliteratur ein oder besuchen Konferenzen.

 

„Marktwert Wissen“ für Arbeitgeber und Arbeitnehmer

Für deutsche Arbeitgeber ist es durchaus attraktiv, Weiterbildungen zu veranstalten, da die Kosten hierfür vom Staat getragen werden. Lediglich die Arbeitszeit der Mitarbeiter muss honoriert werden. Auch Anreize wie Boni und Beförderungen werden von vielen Arbeitgebern genutzt, um die Mitarbeiter zu motivieren, sich weiterzubilden. Ständige Weiterbildung und Aktualisierung der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen, um dauerhaft erfolgreich im Arbeitsleben zu sein.

Ein Unternehmen kann einerseits für Arbeitnehmer viel attraktiver werden, wenn es Weiterbildungen ermöglicht. Mit Trainings für Angestellte kann andererseits beispielsweise die Kundenzufriedenheit gesteigert werden, wenn die Mitarbeiter ihren Kunden effektiver zur Seite stehen und somit die Servicequalität verbessern können.

Unabhängig von der eigenen Einstellung gegenüber den rasanten technischen Entwicklungen, die ja quasi täglich auf den Markt kommen, ist es essentiell für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit einer Firma, zu lernen, mit diesen Neuerungen umzugehen und diese zum eigenen Vorteil zu nutzen.

 

Lebenslanges Lernen im Überblick

Lebenslanges Lernen fördert nicht nur die soziale Teilhabe – idealerweise auch aktives bürgerschaftliches Engagement – sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung. Vor allem bedeutet eine positive Lernkultur und aktives Lernen die Sicherstellung der beruflichen Zukunftsfähigkeit und damit die Verbesserung der eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt sowie die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen.

Lebenslanges Lernen ist einerseits für Angestellte wie auch Selbständige anzuraten. Kontinuierlicher Wissenserwerb durch Weiterbildungen der Arbeitnehmer ist andererseits für Unternehmen essentiell, denn deren Innovationsfähigkeit wird dadurch bedeutend positiv beeinflusst. Darüber hinaus werden die Mitarbeiter selbstständiger und haben mehr Freude an der Arbeit, weil sie über sich selbst hinauswachsen. Das bindet Arbeitnehmer zusätzlich an ihr Unternehmen und sichert den Erhalt von Wissen und Kompetenzen.



Von | 16. Jul 2019|

Team Agile Sales Company GmbH